T
Transsylvanien:
Auf den Spuren des Mittelalters
 
Dark Feather Ausgabe 2

An einem milden Frühlingstag machten Zsuzsa und ich uns auf dem Weg zu unserer ersten Tour durch einen Teil Transsylvaniens. Wir starteten in Cluj-Napoca (deutsch: Klausenburg, ungarisch: Koloszvar), dem vermeintlichen Zentrum Siebenbürgens und zugleich Heimat meiner Begleiterin. Den Kofferaum meines Wagens mit dem nötigen Utensilien für zwei Tage ausgestattet nahmen wir unseren Kurs: Süd-Südost mit erster Station des ins 150 Kilometer entfernt gelegenen Sibiu, Europa`s Kulturhauptstadt anno 2007. Eines der ersten Dörfer, die wir auf dieser Route durchfahren ist bereits einen Zwischenstop wert - von der Hauptstrasse fast unscheinbar bietet sich zu rechten Seite eine wunderschöne Schlucht, die allemal zum Innehalten und Durchstreifen einlädt.                                                  
Nach selbigem setzen die Fahrt fort und nur wenige Minuten später biegen wir in Turda auf die E 81, immer wieder vorbei an Eselskarren und Pferdewagen, welche zwischen den vielen kleinen Orten in gemächlicher Ruhe unterwegs sind - hier scheint die Zeit still zu stehen -erreichen wir nach rund drei Stunden Sibiu (deut. Hermannstadt, ung. Nagyszeben). In der Mitte des 12. Jahrhunderts von deutschen Siedlern erbaut, entwickelte sich der Ort um "Villa Hermanni" schon bald als politisches Zentrum der Siebenbürger Sachsen.
Im Stadtkern angekommen, zeigt sich uns ein wahrhaft großartiges Bild. Wenn man sich die Menschen in ihrer zeitgemässen Kleidung und einige kitschige Souvenierläden wegdenkt, würde man sich hier tatsächlich von der Zeit ins Mittelalter versetzt fühlen. Umgeben von den Resten der alten Stadtmauer mit ihren überragenden Dachgeschossen und Schießscharten teilt sich Sibiu in die Ober- und in die Unterstadt, welche sich durch Treppengänge voneinander trennen. Am eindrucksvollsten zeigt sich für unseren Geschmack die evangelische Stadtpfarrkirche. Dieses dreischiffige gotische Bauwerk, zwischen 1322 und 1520 erbaut, steht gigantisch unweit des Piata Mica und des Piata Mare, dem grossen Platz, auf dem im Mittelalter gehandelt und (hin)gerichtet wurde.
Wir verbringen den vollen Nachmittag an diesem Ort und machen uns am frühen Abend auf, um nach einen Schlafplatz irgendwo in der Natur Ausschau zu halten. Nachdem wir uns bereits reichlich Kilometer von Sibiu entfernt hatten, entdeckten wir einen geeigneten einsamen Platz zu dem ein alter Feldweg führt. Dort angekommen, schlugen wir das Zelt auf und entfachten ein Feuer, aßen ein wenig, genossen die Aussicht auf ein entfernt gelegenes Dörfchen und begaben uns schließlich zu später Stunde zu Ruhe.

Transsylvanien 1
Transsylvanien 2
Die evangelische Kirche zu Sibiu
Sibiu - Zugang von der Ober- in die Unterstadt

Die Nacht verlief insgesamt etwas unruhig, wurden wir doch immer wieder von verschiedenen Tiergeräusche aus unseren Träumen geweckt, am nächsten morgen holte uns dann endgültig mein CD-Player aus dem Schlaf, der sich im Wagen selbstständig gemacht hat. Ob es sich dabei um einen technischen Fehler des ohnehin nicht mehr neuen Gerätes gehandelt hat oder um den Streich eines "transsylvanischen Geistes" gehandelt hat, vermag ich nicht zu beurteilen und überlasse es der Phantasie der Leser... ;-)
Nach einem kurzen Frühstück wurden Sachen und Zelt gepackt und auf ging`s Richtung Medias. Der Himmel versprach einen sonnigwarmen Tag und nach nur einer knappen Stunde erreichten wir unser nächstes Ziel, die Kleinstadt Medias (deut. Mediasch, ung. Medgyes). Beinahe poetisch liegt sie in Weinhügeln versunken, einige Leute nennen sie auch das Sibiu in Kleinformat. Wir schlendern durch den historischen Stadtkern und finden uns in verträumten Gassen und Winkeln wieder. Nach einer kleinen Stärkung auf der Terrasse eines einladenden Cafe`s nehmen wir auch schon wieder Abschied und Kurs auf das nahe gelegene Biertan (deut. Birthälm, ung. Berethalom).
Schon als wir die letzte Zufahrtsstrasse zu dieser nur 3000 Seelengemeinde passierten, nahmen wir wahr, was uns gleich erwartet. Biertan - ein unglaublich verträumter Ort emfing uns. Wir durchstreifen das historische Dorf  bis sich in der Mitte des Ortes auf einem steilen Hügel dann das Wahrzeichen, eine nahezu fantastische Kirchenburg erhebt. Drei Verteidigungsringe umgeben die Kirche, da die Siedler dieses Ortes immer wieder von Mongolen und Türken bedroht wurden, wobei der älteste innere Ring der Zufluchtstätte bereits aus dem Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts datiert wird. Der Sakralbau spielt eine wichtige Rolle um diese gotische Hallenkirche und seit 1993 zählt die Kirchenburg zum UNESCO-Weltkulturerbe. So bereits völlig von träumerischen Eindrücken umgarnt, machten wir uns auf zur letzten Station und dem Highlight dieser Tour – Sighisoara!

Transsylvanien 3
Transsylvanien 4

Kirchenburg Biertan: Außenmauern

 

Kirchenburg Biertan: Zugänge im Innenhof
Ein Ort, der einem nun endgültig aller Sinne beraubt - in Sighisoara(deut. Schäßburg, ung. Segesvar) ist scheinbar noch alles so wie es bereits um 1200 war, als sich die ersten Siedler, ebenfalls die Siebenbürger Sachsen, hier niederließen. Und auch das hat den Ort geprägt, nirgendwo findet man auf Schildern und Tafeln das deutsche Schriftbild so häufig und vorrangig wie hier. Ein riesiger Burgberg grüßt bereits aus der Ferne, die Burgsiedlung umfasst eine fast einen Kilometer lange Mauer, welche ursprünglich vierzehn Türme schmückten, von denen heute noch 9 erhalten geblieben sind. Wir schlendern im inneren durch die Gassen der Siedlung, bis wir dann vor einem in Romantik und Melancholie dieses Ortes kaum zu überbietenden Friedhof stehen. Ein großes altes Tor gewährt uns Eintritt und wir atmen die Mystik dieses Ortes in uns ein. Durch Baumkronen hindurch und an alten Gräbern vorbei entblößt sich dem Auge immer wieder ein beeindruckender Ausblick in das Tal, welches den Ort friedlich zu umzingeln scheint. Fälschlicherweise wird die literarische Figur Draculas mit diesem Ort in Verbindung gebracht, außerdem existiert die unbelegte Erwähnung, daß die historische Figur Draculas, Vlad Tepes hier geboren worden sei. Eine Behauptung die ehemalige kommunistische Lokalhistoriker auf politischem Befehl aufgestellt haben - der Tourismusbranche scheint es, wie man hier sieht, nicht zum Schaden zu sein…Ja, der Tourismus, dieses scheint der einzige Knackpunkt an diesem Ort zu sein, da hier bereits kräftig saniert wird, zu Leidwesen der Geschichte. Noch ist ausreichend von dem wunderbaren alten Charme zu spüren, wer diesen wundervollen Ort mal aufsuchen möchte, sollte dieses aber möglichst bald tun, bevor es zu spät ist.  Mit einem ausgiebigen Spaziergang lassen wir diesen Tag und wunderschönen Abend ausklingen, um uns dann (um den Kreis zu schließen) erneut über Turda, diesmal aus östlicher Richtung kommend auf dem Rückweg nach Cluj aufmachen.
Was bleibt zu sagen? Transsylvanien, mit seinen beeindruckenden Gegenden und Burgen, scheint auch nach mehreren Aufenthalten immer wieder eine Reise wert!...
Transsylvanien 5
Transsylvanien 6

Sighisoara,

Zeit und Worte verharren...

 

< zum Inhaltsverzeichnis