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Alter Vocalis Ego
 
Vol.10 Schriftzug
 

 

Unter der Flagge des Dionysos für die Freiheit

Hallo Frederik, was war einst das einschneidende Erlebnis in Deinem Leben, Dich aktiv der Muse hinzugeben?

„Musik ist ein Flugzeug ins Jenseits“ soll Karlheinz Stockhausen mal gesagt haben, und genauso habe ich Musik auch immer empfunden. Mit ihrer Hilfe (zunächst nur als Hörer und Musikliebhaber) konnte ich sozusagen weite Erkundungsreisen ins „Jenseits“ machen und eine Art Vorgeschmack genießen auf so etwas wie eine „Rückkehr in die Heimat“; pathetisch ausgedrückt: Kunst und ganz besonders eben die Musik ermöglichte mir das ‚Fliegen’ an Orte der Freiheit und Ruhe inmitten der alltäglichen und teils stürmischen Odyssee durch die Fremde. Ich würde sogar soweit gehen, von gelegentlichen „mystischen Erfahrungen“ zu sprechen, von einer Art Einheitserfahrung, ähnlich wie dies in unterschiedlicher Qualität und Intensität z.B. in Meditation geschehen kann, oder auch nur in Augenblicken totaler Versunkenheit in die Schönheit der Natur, oder besonders natürlich im Zustand tief empfundener Liebe.
Meine Motivation, mich der Musik aktiv zu widmen, hat sicherlich auch den Hintergrund, dass ich auf diese Weise (immer noch bildlich gesprochen) mein eigenes, auf mich persönlich abgestimmtes „Flugzeug“ bauen wollte, um noch unmittelbarer in die abgründigen Tiefen des „Jenseits“ einzutauchen, das klingt vielleicht etwas seltsam und abgedreht, haha…
Zudem bot mir die Musik –bzw. Kreativität ganz allgemein- immer die Möglichkeit, schwer greif- und artikulierbaren Dingen meines Innenlebens einen Ausdruck zu verschaffen; insofern ist sie für mich nicht nur ein Fahrzeug in Richtung Heimat, sondern auch ein Medium, mit dem sich Erfahrungen, Gefühle und innere Bilder oder „Visionen“ gut ausdrücken und transportieren lassen.
Aber vielleicht ist es hinsichtlich des dionysischen AVE-Konzeptes weitaus besser, in Anspielung an gewisse Mythen und Hymnen von einem Schiff als von einem Flugzeug zu sprechen, gelenkt und belebt vom „kommenden Gottes“ Dionysos, insbesondere –bezogen auf die antike Kult- und Mythenüberlieferung- in seinen Epiphanien (Erscheinungen) als ausdrücklicher Bringer der Freiheit, wie z.B. Eleutherios, Lyaios, Lysios oder auch dem römischen Liber.

Wenn Du mit Deiner Musik auch die entferntesten Winkel des Planeten erreichen würdest, welche Botschaft würdest Du auf musikalischem Wege transportieren und der Menschheit nahe bringen?

Um bei meinem Bild zu bleiben, würde ich gerne mein musikalisches Schiff unter der Flagge des Dionysos Eleutherios (also quasi „Dionysos dem Befreier“) u.a. dazu nutzen, eine für AVE zentral wichtige Botschaft oder Idee zu übermitteln: Freiheit !
Wenn man anfängt, ernsthaft über ‚Freiheit’ nachzudenken -angefangen bei ganz banalen lebenspraktischen Alltagsdingen, über politische & gesellschaftliche Fragen bis hin zu Zweifeln sogar an der Existenz von Gedanken- oder Willensfreiheit überhaupt-,

Alter Vocalis Ego

kann einen das schon auf recht verblüffende Einsichten bringen; um so mehr, wenn man sich die ernüchternden Erkenntnisse der Soziologie, Psychologie und vor allem der modernen Hirnforschung zu Gemüte führt…
Ich finde es sehr spannend, mir zu überlegen und auszumalen, wie und in welcher Lebens- und Gesellschaftsform man sich dem Ideal der ‚Freiheit’ auf möglichst vielen Ebenen bestmöglichst annähern könnte. In diesem Zusammenhang komme ich persönlich immer wieder auf die sehr verschiedenen politischen Philosophien und Ideen zurück, die man unter dem Begriff „Anarchismus“ zusammenfasst. Natürlich meine ich damit nicht, was man landläufig oft unter Anarchismus versteht oder damit assoziiert (nämlich z.B. Chaos, Unordnung, Gewalt und Krawalle, was neben historischen Beispielen u.a. leider auch auf gewaltbereite Randalierer im Kontext von Demonstrationen zurückzuführen ist), sondern ich meine kurz zusammengefasst politische Philosophien, die mit der Anarchie („Herrschaftslosigkeit“) eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen jenseits von Profit- und Konkurrenzdenken propagieren, welche auf gegenseitiger Hilfe und freier Vereinbarung basiert und jede Herrschaft von Menschen über Menschen, sowie Hierarchie überhaupt als Unterdrückung von individueller und kollektiver Freiheit zu überwinden sucht. „Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft“, wie es Pierre-Joseph Proudhon vielzitiert ausdrückte.

Um nicht in eine falsche Ecke gedrängt zu werden möchte ich aber klar sagen, dass ich ideologisches Denken und vor allem Anwendung von Gewalt in Verfolgung politischer (wie auch sonstiger) Ziele kategorisch ablehne, und somit eher mit Ideen des pazifistischen Anarchismus (auch Anarchopazifismus genannt) sympathisiere, wenngleich mich „–ismen“ üblicherweise nicht besonders ansprechen. In diesem Zusammenhang sehr inspirierende Autoren sind z.B. Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Henry David Thoreau, Erich Mühsam, Leo Tolstoi oder auch der große Mahatma Gandhi, der in einer Rede sogar mal gesagt hat: "Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art."
Übrigens gibt es interessanterweise auch einen ausdrücklich christlichen Anarchismus, was aber genau betrachtet im Hinblick auf die Texte des Neuen Testaments und die Geschichte der frühen  Christen eigentlich naheliegend ist, wenn nicht sogar die zwingend notwendige Konsequenz. Auch Onkel Nietzsche hatte dies erkannt, obgleich er dies in seinem „Antichrist“ nicht gerade nett meinte: „DerAnarchist und der Christ sind einer Herkunft“.
Aber um auf dem Teppich zu bleiben: wie und ob es überhaupt möglich ist, solche utopischen Ideen und Modelle auf breiter Ebene und dauerhaft zu verwirklichen, ist hinsichtlich der politischen und wirtschaftlichen Realitäten gerade im „Zeitalter der Globalisierung“ natürlich eine gänzlich andere Frage; man denke nicht zuletzt auch an ausgeprägte Schwächen der menschlichen Natur, die eine Form der „selbstlosen Gesellschaft“ im großen Stil wohl eher unmöglich machen … naja, zumindest für die nächsten Jahrhunderte kann ich es mir kaum vorstellen (falls die Menschheit überhaupt noch so lange existieren wird), und die zutiefst traurige und beschämende Tatsache, dass wir hier in Deutschland derzeit z.B. einen Vizekanzler Westerwelle und Entwicklungsminister Niebel haben, könnte man als ein sicheres Zeichen der nahenden Apokalypse deuten, haha…
Aber das hält mich ganz sicher nicht davon ab, für eine Philosophie und Lebensform zu werben (oder zumindest für eine Annäherung an dieselbe), die ich für die beste und gerechteste halte, denn:
„I am a fanatic lover of liberty, considering it as the unique condition under which intelligence, dignity and human happiness can develop and grow“ (Michail Bakunin)
Tja, jetzt bin ich wohl etwas von Thema abgekommen … denn ALTER VOCALIS EGO ist ja nun kein politisches Projekt, sondern könnte wohl eher im Bereich der „visionären“, (schwarz-)romantischen Phantastik verortet werden, in dem eine gute Portion augenzwinkernder Größenwahn, Melodramatik und Pathos ihren Platz haben.
In genau diesem Sinne ist eine zentrale „Botschaft an die Menschheit“ eben besonders die Freiheit, genauso wie das an Friedrich Nietzsche angelehnte bedingungslose Ja-Sagen zum Leben und vor allem die Liebe jenseits von Gut und Böse.

Welche Vor- und/oder Nachteile siehst Du in der aktuellen Musikentwicklung: weg von physischen Tonträgern hin zu Downloadvertrieb?

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als es für mich und Freunde üblich war, sich LPs zu kaufen, da hatte man für 20 DM noch ordentlich was zum Anfassen; aber auch was gekaufte CDs angeht - ein schönes, aufwendiges und qualitativ hochwertig gestaltetes und produziertes Artwork zum Tonträger ist eine schöne Sache, die ich sehr genießen kann, aus diesem Blickwinkel gesehen finde ich die Entwicklung zum Downloadvertrieb etwas schade.

Andererseits ist so etwas bekanntlich doch recht teuer, und der vielhörende Musikliebhaber kommt sehr schnell an seine finanziellen Grenzen; so betrachtet kommt der Downloadvertrieb diesem sehr entgegen, da es günstiger ist und man sich z.B. gezielt einzelne Songs runterladen kann.

Aber um noch mal ein wenig das Thema zu wechseln:
Das Internet- bzw. Medienzeitalter bringt eben tiefgreifende Veränderungen mit sich, die ich eigentlich überwiegend positiv bewerte, da ich grundsätzlich Informationsfreiheit und freien Daten- und Wissensaustausch für eine sehr gute Sache halte. Ich sehe in dieser Entwicklung also auch eine große Chance.

 

Wie wichtig sind Deiner Meinung nach Fan- und Undergroundzines für die Musikszene?

Dass Undergroundzines extrem wichtig sind, liegt aus meiner Sicht klar auf der Hand: Es ist ja nicht so, vorsichtig ausgedrückt, dass die „reguläre“ Musikpresse völlig frei und unabhängig von der Musikindustrie wäre, und das Musikbusiness bzw. die Unterhaltungsindustrie allgemein ist wiederum nun mal von Interessen beherrscht, die überhaupt nichts mit Musik/ Kunst zu tun haben, das ist eine Binsenwahrheit.

Insofern ist es sehr erfreulich, beruhigend und ermutigend zu wissen, dass es eine Reihe von Undergroundzines gibt, die unabhängig und explizit aus Leidenschaft, Begeisterung und Interesse an der Musik betrieben werden und damit auch weitgehend unbekannten Bands/ Musikern eine Plattform bieten, ihre Arbeit und sich selbst vorzustellen und bekannter zu werden.
Jede Form von „Gegenöffentlichkeit“ jenseits des Mainstreams ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, nicht nur die Musikszene betreffend.  

Mit wem würdest Du gerne einmal zusammen die Stage betreten oder im Studio sein?

Ich würde sehr gerne mit dem griechischen Sänger und Musikwissenschaftler Lycourgos Angelopoulos (für mich seit Orpheus der Sänger schlechthin) und dem renommierten ‚Ensemble Organum’ altrömische oder byzantinische Gesänge performen, am liebsten tief in den Katakomben Roms…

 Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen, die letzten Worte gehören wie immer Dir!:

Ich beglückwünsche den Dark Feather für das Jubiläum von ganzem Herzen und hoffe sehr, dass Ihr mit Eurer außergewöhnlichen und inspirierenden Arbeit dem dunklen und harten Underground noch lange Zeit erhalten bleibt, für den Ihr mit so engagiertem Support zweifellos einen unschätzbaren Dienst leistet!
Ich verabschiede mich –enthusiastisch die freiheitliche Flagge des ‚kommenden Gottes’ schwenkend- mit einigen Zeilen aus der berühmten Homerischen Hymne an Dionysos:

"Ihr Besessenen! Welchen Gott fesselt ihr? Welchen Starken 
faßt ihr? Nicht einmal das festgefügte Schiff kann ihn tragen! 
Zeus ist dieser wohl, oder mit silbernem Bogen Apollon 
oder Poseidon, denn nicht ist er den sterblichen Menschen 
gleich, den Göttern viel mehr, die olympische Häuser bewohnen. 
Aber nun laßt uns sofort aufs schwärzliche Festland ihn bringen 
unverzüglich! Packt ja ihn nicht an, damit er nicht zornig 
widrige Winde zusammenballe und vielfache Stürme!"

 

 
ALTER VOCALIS EGO im Dark Feather: Ausgabe 5
ALTER VOCALIS EGO zuhause: www.altervocalisego.de

 

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