Aus-Gefragt:
Sid(Antichrisis)r
Wer Mitte der Neunziger sich bereits dem Gothic-Metal verschrieben hatte und etwas tiefer in die Materie eintauchte, kam mit Sicherheit an ein Album nicht vorbei: Antichrisis „Cantara Anachoreta“! Ich weiß noch ganz genau unter welchen mysteriösen Umständen ich zu dieser CD kam. Ein "Kumpel meines Kumpels" (ja so war es tatsächlich.. ;-)... ) hat dieses Album versehentlich bei ihm vergessen, letzterer stand aber auf völlig anderer Musik und konnte mir wenig Auskunft zum Inhalt des Tonträgers geben. Meine Neugier jedoch konnte er nicht widerstehen. Der Entschluss, mir ebenfalls diesen Tontäger zu kaufen dauerte genau 70 Minuten und 27 Sekunden (eigentlich stand diese Entscheidung schon nach wenigen Minuten ob dieses beeindruckenden Longplayers fest, aber ich konnte es mir nicht antun meine Stimmung durch einen „Stopp-Button“ zu zerstören…). Das war ungefähr der Zeitpunkt, als ich selbst aktiv mit dem Musizieren anfing. 1998 folgte dann deren Zweitwerk „A Legacy Of Love“, welches nun auch Folkeinflüsse in sich barg und im Gegensatz zu anderen Bands, welche Stilveränderung mit „Weiterentwicklung“ verwechseln (um es Jahre später dann zu dementieren) war jene Weiterentwicklung bei Antichrisis tatsächlich der Fall.  Und dieser Weg wird wohl auch konsequent bei ihnen  weiterverfolgt werden..
 
Dark Feather Ausgabe 2

Eines machte mich jedoch damals ziemlich „verrückt“: Es war verdammt schwer etwas über diese Formation in Erfahrung zu bringen, jedenfalls im Vergleich zu anderen Bands in der Szene. Immer vernahm ich diese gewisse Mystik, welche sich ja schon bei der bereits erwähnten ersten Begegnung aufgrund der Umstände zeigte, es ging soweit, das ich, der damals noch im hohen Norden des Landes wohnte, auf eine Anzeige eines ebenfalls dieser Musik verfallenen Antichrisis Fan aus Dresden antwortete, welcher nach Gleichgesinnten und vor allem auch weiteren Informationen seiner favorisierten Band suchte. So standen wir für einige Zeit im sozusagen „mystischen“ Briefkontakt. 
Nun, seitdem ist viel passiert, durch eigene verschiedene Erfahrungen im Musikbusiness und Blicke hinter dem Vorhang wurde viel relativiert, vieles sehe ich nicht mehr wie damals – mein Respekt aber vor Antichrisis und deren Schaffen im Allgemeinen und Werke wie „Cantara Anachoreta“ und „A Legacy Of Love“ im Besonderen hat bis heute nicht gebröckelt, nein er hat sich eher manifestiert. Unvergessen bleiben mir Stücke wie nur zum Beispiel „Baleias“, „Goodbye To Jane“, „Arcanum in Anchorage“, „ Dancing In The Midnight Sun“, „Like The Stars“ und selbstverständlich „The Farewell“… sie haben auch beim heutigen Hören nichts an ihrer Emotionalität und ihrer Tiefe verloren – ganz im Gegenteil! Umso glücklicher schätze ich mich nun, verkünden zu können, das ich Sid, Kopf hinter dieser beeindruckenden Musikkreatur ohne welche die Szene um einige Perlen ärmer wäre, für unsere Rubrik „Aus-Gefragt“ zum Interview gewinnen konnte!

 

Hallo Sid! Ein herzliches Willkommen beim Dark Feather! Dann möchte ich mal loslegen..  

Wo bist Du geboren, wo aufgewachsen?

Ich bin in einem sehr kleinen schwäbische Dorf geboren und dort auch aufgewachsen, bis es mich dann ab meinem 18. Lebensjahr ein wenig durch die Welt getrieben hat... unter anderem habe ich einige Zeit in England verbracht, aber seit 2003 lebe ich ich mit meiner Frau Ayuma zusammen in der Nähe von Nürnberg, wo ich mich sehr wohl fühle. 

Was meine musikalisches "Aufwachsen" betrifft, so lässt sich dies am Besten wie folgt beschreiben: Als ich im Alter von 14 Jahren zum 1. Mal über genügend finanzielle Mittel dafür verfügte, legte ich mir eine elektrische Gitarre inklusive Verstärker zu und stellte unverzüglich fest, daß eine Gitarre zwar über 6 Saiten, ich hingegen lediglich über 5 Finger an einer Hand verfügte, was bedeutete, daß herkömmliches Gitarrenspiel für mich nicht funktionieren würde, was - nebenbei bemerkt - Keith Richards von den Rolling Stones ähnlich sieht. Um diesem Umstand Abhilfe zu schaffen, reduzierte ich den Saitenbestand meiner japanischen Les-Paul-Kopie zunächst von 6 auf 2, was die Sache schon wesentlich einfacher machte, da nun meine Finger die Lufthoheit über dem Griffbrett hatten und ich dank dieser Einsparungsmaßnahmen endlich in der Lage war, sämtliche Songs meiner damaligen Helden, der Ramones, nachspielen zu können, womit mein damaliger künstlerischer Ehrgeiz mehr als befriedigt war. 

Ausgestattet mit solch atemberaubenden technischer Fertigkeiten begab ich mich daraufhin nach London, da ich in der Abgeschiedenheit meines schwäbischen Heimatdorfes beschlossen hatte, die Punk-Karriereleiter zu erklimmen: Dummerweise hatten die anderen Punks von diesem Entschluss nichts mitbekommen, so das ich mit meinen diesbezüglichen Ambitionen lediglich so weit kam, ein einziges Mal in der Vorgruppe für die Vorgruppe einer drittklassigen Punkband (an dieser Stelle grüsse ich Antipasti....die hießen wirklich so!) in einem heruntergekommen Pub im Eastend zu spielen.

Sid - Antichrisis 1

Und als es nach 12 Monaten des Starruhms statt jubelnder Fanmassen noch immer noch Pommes aus der Mülltonne vor dem Fish'n'Chips-Shop gab, kehrte ich reumütig und hungrig in heimische Gefilde zurück, besessen von dem Gedanken, die depressivste Musik aller Zeiten zu machen (vermutlich eine Folge des britischen Frittierfetts). In diesem Zustand der Verwirrung und unter dem Namen Assorted State of Decay veröffentlichte ich 2 Demos, die ihrer Zeit so weit voraus waren, daß sie von der Öffentlichkeit vollständig ignoriert wurden und infolgedessen meine Berufswahl als Verkanntes Genie wesentlich erleichterten. 

Einen Hauch von kommerziellem Erfolg schnupperte ich zum 1. Mal mit dem von mir danach ins Leben gerufenen Soloprojekt Temple of Loki, dessen erstes und einziges Demo sich sagenhafte zweiundzwanzig mal verkaufte. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen ermöglichte mir jedoch auch diese beeindruckende Erfolgsbilanz noch kein sorgenfreies Leben, weshalb ich ins Allgäu zog, um dort aus lauter Langeweile Cinnamoon zu gründen - wiederum ein Soloprojekt, dessen Symbiose aus Irish Folk und Punk die mit Temple of Loki erreichten Absatzzahlen glattweg verdoppelte. 

Damit hatte mein kreativer Schaffensdrang jedoch noch längst nicht seinen Höhepunkt erreicht, da eine höchst originäre Idee anfing, in mir Gestalt anzunehmen: Ich würde einen gänzlich neuen Musikstil erschaffen, indem ich Punk-Riffs so langsam spielen würde, wie es noch nie ein Mensch zuvor getan hatte. Doch wie bei allen guten Ideen musste ich auch in diesem Fall nur wenig später feststellen, dass sie bereits von einigen langhaarigen, drogensüchtigen Bombenlegern aus England gestohlen und als "Doom Metal" verkauft worden war! 

Trotz derartiger Rückschläge veröffentlichte ich unter dem Namen Antichrisis im Jahre 1996 das legendäre Demo "Missa Depositum Custodi" - und den Rest kennst Du ja...

Wo würdest Du gerne mal leben, wo zieht es Dich auf gar keinen Fall hin? 

Cornwall in England oder die Lofoten in Norwegen wären schon ein absolutes Wunschziel - und wer weiß, vielleicht lässt es sich eines Tages sogar verwirklichen? Frankreich und Spanien hingegen reizen mich hingegen überhaupt nicht, weil ich mich eher in Nordeuropäischen Gefilden heimisch fühle - und außerdem kann man wie ich als Wahl-Brite Frankreich nur schwerlich etwas Positives abgewinnen... außer Agincourt natürlich! ;-) 

Warst Du in Deiner Kindheit schüchtern und verhalten oder doch eher ein ziemlicher „Rabauke“? 

Teils-teils... bis ich als Teenager vom Punk-Virus infiziert wurde, war ich eine ziemliche Leseratte und verkroch mich gerne hinter meinen Büchern... doch nachdem ich das erste Mal "Blitzkrieg Bop" von den Ramones und "God Save The Queen" von den Sex Pistols gehört hatte, war die Bücher-Idylle dahin und ich stürzte mich wie bereits geschildert ins pralle Musiker-Leben. 

Wen würdest Du gerne mal treffen, wen um keinen Preis? 

Hmmm... Ich hätte nichts dagegen, mal mit Bruce Springsteen eine Session zu machen, mit Stephin Merritt von den Magnetic Fields um die Häuser zu ziehen oder mit Sinead O'Connor über Gott und die Welt zu diskutieren... auf ein Zusammentreffen mit Angela Merkel, Bushido oder Guido Westerwelle kann ich hingegen liebend gerne verzichten! 

Was sind Deine drei Lieblingsalben? 

Lieblingsalben sind so eine Sache... schliesslich kann sich ja der eigene Musikgeschmack im Lauf der Jahre ändern, zumal es auch nur wenige Alben gibt, die wirklich vom ersten bis zum letzten Song gut sind... aber wenn ich so zurückblicke, dann müsste ich auf jeden Fall "Unknown Pleasures" von Joy Division, "Red Roses For Me" von den Pogues und "Parallel Lines" von Blondie nennen: Alben, die vom ersten bis zum letzten Song einfach nur perfekt sind und keinerlei Lückenfüller enthalten! 

Hattest Du, beziehungsweise hast Du Idole, wenn ja welche? 

Bruce Springsteen ist auf jeden Fall eine Art Idol für mich, weil er Integrität, musikalische Entwicklungsfähigkeit und songwriterisches Handwerk auf kongeniale Art und Weise verkörpert - und weil er immer wieder Songs aus dem Ärmel schüttelt, die mich total berühren können. Ansonsten ziehe ich meinen Hut vor all den Menschen, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben für die Rechte anderer Menschen, für Tiere und Natur eintreten oder die einfach im Stillen oder unerkannt im kleinen Rahmen vor sich hinarbeiten, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen... 

Was war Dein verrücktestes Erlebnis als Musiker? 

Ich glaube, das war, als wir 1999 im SO36 in Berlin spielten: Das Publikum gehörte eher zur härteren Fraktion und wollte ausschliesslich Metal hören - aber nicht Antichrisis mit den Folk-Pop-Songs aus der "A Legacy of Love"- und Perfume"-Ära, die wir damals in unserem Set hatten. Nachdem die Leute uns lange genug ausgepfiffen und ausgebuht hatten, sprach ich mich kurz mit unserem Gitarristen und Drummer ab, und plötzlich legten wir mit völlig unkoordiniertem Krach los: Der Drummer drosch einfach wild auf sein Schlagzeug ein, feuerte eine Double-Bass-Attacke nach der anderen ab, und unser Gitarrrist haute die übelsten Speed-Metal-Riffs heraus, die ihm gerade durch den Kopf gingen, während ich mein Bestes tat, um gesanglich eine defekte Klospülung zu imitieren. Eigentlich wollten wir das Publikum damit nur ein wenig auf den Arm nehmen, doch die Leute gingen ab wie Schmitz' Katze und moschten bis zum Abwinken... danach fragten wir uns ernsthaft, wieso wir uns überhaupt noch Mühe geben, richtige Songs einzuüben und uns eine Birne über Arrangements zu machen, wenn es doch anscheinend völlig ausreicht, nur hirnlosen Krach zu fabrizieren, um die Leute in Ekstase zu vesetzen... ;-) 

Zauberst Du gerne mal ein nettes Gericht in der Küche hin oder greifst Du eher zum Hörer und rufst den Pizzaservice? 

Da unsere derzeitige Küche etwas ungemütlich und der Herd schon ein wenig altersschwach ist, macht das Kochen dort nicht wirklich Spaß... und somit greifen wir mitunter notgedrungen zu Tiefkühlpizzen. 

Welche Art von Literatur bevorzugst Du? 

Ich lese gerne Bücher, die hintergründigen Humor mit menschlicher Wärme kombinieren - daher greife ich sehr gerne zu Terry Pratchetts oder auch Douglas Adams' Romanen. Und wenn's mal keine Belletristik sein soll, sind Fachbücher über Macs, Logic Pro und Ähnliches angesagt... 

Welche Charaktereigenschaft(en) weißt Du an Deinen Mitmenschen zu schätzen und was stört Dich? 

Ich schätze es sehr, wenn Menschen über Einfühlungsvermögen, Warmherzigkeit, Toleranz, Respekt, Aufrichtigkeit und klare Prinzipien verfügen; wenn sie wissen, was sie wollen, sich dabei aber nicht zu ernst nehmen und auch mal über sich selbst lachen können; wohingegen mir humorlose, intolerante, aggressive, respektlose, unehrliche und rückgratlose Zeitgenossen ziemlich auf die Nüsse gehen... 

Es folgen fünf Stichpunkte, auf die Du nur einen einzigen kurzen Satz zur Antwort hast! 

Gedanken: ...dürfen in keinem Haushalt fehlen.

Zeit: eine Illusion.

Religion: Organisierte Religion und organisiere Kriminalität stehen sich in nichts nach...

Tod: Einer meiner Lieblings-Charaktere in Terry Pratchett's Scheibenwelt-Romanen

Gefühle: ...sollten des öfteren mit dem Verstand abgestimmt werden. 

Welches Genre von Filmen bevorzugst Du? 

Das ist völlig verschieden: Genau wie in der Musik kommt es nicht auf das Genre an, sondern einfach nur darauf, ob ein Film bzw. ein Song gut oder schlecht ist. Die letzten Filme, die mir sehr gut gefallen haben, waren "Neulich in Belgien" von Christophe Van Rompaey, "Hellboy 2" von Guillermo del Toro, "Wall-E" von Andrew Stanton und "Control" von Anton Corbijn... 

Was ist Dein Antichrisis – Lieblingssong? 

Ganz einfach - immer der, an dem ich gerade arbeite... 

Fliegst Du gerne mal in Traumwelten oder bleibst Du immer mit beiden Beinen auf den Boden? 

Ein Mensch, der aufhört zu träumen, existiert zwar noch, aber er hat gleichzeitig zu leben aufgehört. Natürlich sollte man nie die Bodenhaftung verlieren und ab und an überprüfen, inwieweit sich die eigenen Wünsche und Vorstellungen noch mit der Realität vereinbaren lassen, doch letztendlich sind Träume überaus wichtig, weil sie uns antreiben und dabei unterstützen, scheinbar Unmögliches möglich zu machen und uns über Grenzen hinwegzusetzen. Sie können uns inspirieren und beflügeln, und das ist etwas, was für jeden kunstschaffenden Menschen immens wichtig ist... 

Was wünscht Du Dir für die Zukunft? 

Für immer mit meiner Frau Ayuma zusammenbleiben zu dürfen, mit ihr gemeinsam irgendwann einmal in England oder Norwegen leben und weiterhin Musik machen zu können. 

Ich bedanke mich! AUSgefragt! 

Gern geschehen - und weiterhin viel Erfolg für Dark Feather!

Sid - Antichrisis 2

Antichrisis im Netz: www.antichrisis.net

 

< zum Inhaltsverzeichnis