Hallo Frederik, herzlich willkommen beim Dark Feather! Erzähle doch bitte mal, was hat es mit Alter Vocalis Ego auf sich und wer außer Dir steckt dahinter?
Herzlichen Dank für das Willkommen! AVE versteht sich als ein offenes Gesamtkonzept, das versucht, Kreativität/Kunst und Ideen aus verschiedenen Bereichen (Musik, Literatur, Wissenschaft etc.) im Geiste einer sehr persönlichen Deutung des „Dionysischen“ zu verschmelzen. Wichtig ist weniger die jeweilige Form und Manifestation der kreativen Arbeit, als viel mehr die anarchistische Geisteshaltung, das ekstatisch-freiheitliche und befreiende Lebensgefühl: Crown yourself with ivy, anything goes (bekränze dich mit Efeu, alles ist möglich)!
Im Zuge dieser dionysischen Haltung geht es AVE auch um die Befreiung aus den Zwängen von (willkürlichen) Grenzen aller Art, Konventionen, herkömmlichen Denk- und Lebensweisen, Vernunft und Logik, um die Infragestellung des „Wahren, Schönen und Guten“ und von Ideologie und Idealismus überhaupt.
Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf der Betonung des Irrationalen, Emotionalen, Tabuisierten, Indiskutablen und des „Heterogenen“, d.h. also z.B. Phänomene, die Verwirrung, Ekel, Angst und vor allem natürlich ‚dionysischen Wahnsinn' hervorrufen.
Durch mein Studium und meinen Job als Hilfskraft an der Freien Universität Berlin ist AVE in den letzten Jahren allerdings ziemlich in den Hintergrund geraten, so dass außer mir niemand weiter mehr daran beteiligt ist. |
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Ist AVE eher als Projekt anzusehen?
AVE kann man sicherlich als mein Solo-Projekt bezeichnen, auch wenn ich augenzwinkernd lieber sagen würde: Ich bin momentan AVEs einziger Repräsentant, haha…
Die Musik von AVE baut eine sehr interessante atmosphärische Stimmung auf, man könnte sagen, das sie ähnlich der textlichen Thematik mit den Tönen philosophiert. Wo liegen denn die hauptsächlichen musikalischen Einflüsse?
Vielen Dank für das Kompliment! Es ist tatsächlich das erklärte Ziel, durch Musik in bestimmte Tiefen „abzutauchen“, und zwar in ergänzender, aber anderer und viel direkterer Weise als das durch Texte möglich ist.
Meine musikalischen Einflüsse sind extrem unterschiedlich, z.B. byzantinische Chormusik (besonders unter Leitung von Lycourgos Angelopoulos), Leonard Cohen, João Gilberto, John McLaughlin/Shakti, Frank Sinatra, Mercyful Fate/King Diamond, Jeff Buckley, Dead Can Dance, Controlled Bleeding, natürlich einiges aus dem Bereich Gothic(-Rock)/ Batcave etc. |
Kommen wir nun im Anschluss gleich auf die bereits erwähnt textliche Thematik zu treffen. Du bringst das Dionysische zur Sprache, wobei Euch unter anderem bekannte Namen wie E.A. Poe, H.P. Lovecraft und Nietzsche als Inspirationsquelle begleiten. Was genau wollt ihr lyrisch vermitteln?
Tatsächlich steht die mythische Figur des Gottes Dionysos und „das Dionysische“ in der einen oder anderen Weise (wenngleich manchmal nur sehr subtil und ohne genannt zu werden) immer im Zentrum der textlichen Arbeit; wobei allerdings gesagt werden muß, dass die Frage „Was ist dionysisch?“ immer nur sehr subjektiv und annäherungsweise beantwortet werden kann und muss. Nietzsche hat natürlich seine eigene, in Literatur/Kunst und Wissenschaft sehr einflussreiche Deutung und Konzeption des Dionysischen vorgelegt, die zwar für AVE sehr inspirierend und interessant, aber eben nur eine von vielen möglichen ist. Zudem ist aus meiner persönlichen Sicht das Horror-Genre bzw. „die Ästhetik des Horrors“ - die gerade von Poe und Lovecraft bis heute entscheidend geprägt ist - durchaus als ein Ausdruck des Dionysischen zu verstehen, und ich versuche diese Verbindung/Identität auf meine Weise deutlich zu machen. Was konkret die Songtexte zu dem Album angeht, so war hier hauptsächlich „das Orphische“ (das man als Variation des Dionysischen verstehen muß; abgeleitet von Orpheus, dem mythischen Sänger und angeblichen Stifter antiker dionysischer Geheimkulte) die Hauptquelle der Inspiration, genauer gesagt die Tragik der „Orphischen Liebe“ in Verbindung mit dem Motiv der „Mystischen Hochzeit“. Was will AVE textlich vermitteln? Vielleicht so etwas wie: Das Leben und vor allem die Liebe ist absurd, gewaltig, wunderbar, grausam, erotisch, tragisch, komisch und voller Mysterien.
Mir scheint insgesamt scheint ein interessanter mystischer Schleier um das Werk von AVE zu liegen… Berechnung oder eher Zufall?
Mystik und allgemein die sogenannten „Geheimwissenschaften“ sind durchaus ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes und z.T. auch ganz explizit Thema der Texte (wobei das bei AVE eher unter dem Etikett „Phantastik“ läuft), was allerdings naheliegend ist, da Dionysos u.a. ein Mysteriengott ist, und - nebenbei bemerkt - dionysische Mysterienkulte der Antike (neben anderen) bis in die Gegenwart als Vorbild und Inspiration für okkulte/esoterische Gruppierungen aller Art und deren Riten dienen. Allerdings würde ich behaupten, AVE bemüht sich viel eher darum, Schleier zu lüften (oder besser und dionysisch ausgedrückt: zu zerreißen) als zu verschleiern, und das Stilmittel der ironischen Mystifikation ist auch in diesem Sinne zu verstehen. Genauso wie sich z.B. Chaos und dionysischer Wahnsinn bei AVE hinter der Maske relativ konventioneller Formen, (Song-)Strukturen und „ordentlichem“ Erscheinungsbild verbergen.
Mir ist nichts von irgendwelchen Liveaktivitäten bekannt. Gibt oder gab es jemals Shows des Alter Vocalis Ego und falls ja, wie muss man sich jene vorstellen?
Es gab zwar vereinzelte Versuche, in verschiedener Besetzung etwas auf die Beine zu stellen, die aber aufgrund meiner anderweitigen Tätigkeiten und Verpflichtungen leider alle im Sande verliefen… Geplant war (und ist noch immer) z.B. eine Form von Performance, die neben der musikalischen Darbietung u.a. auch szenische Darstellungen beinhaltet, die z.B. auf den Songtexten in Verbindung mit Mythen des Dionysos beruhen (hier kämen vor allem die rasenden Mänaden - die kultischen Verehrerinnen des Dionysos - zum Zuge).
Wie lange existiert AVE denn bereits als jenes?
Die ersten Aktivitäten unter dem Namen AVE fanden 2001 statt, in deren Folge sich z.B. auch ein Electro/Darkwave-Projekt unter anderem Namen in Kooperation mit der Russischen Gothic-Szene ergab. Aber erst nach der Produktion des (Demo-)Albums und meiner intensiven Beschäftigung mit den Hintergründen der zentralen Thematik des Konzeptes fand AVE annäherungsweise zu der Form, in der es mehr oder weniger konstant bis heute besteht, also ab 2004 etwa.
Was wünscht Du Dir für die Zukunft, welche künstlerischen Pläne „spuken“ noch in Deinem Kopf?
Wie schon gesagt, in erster Linie AVE endlich auf die Bühne zu bringen … Zudem arbeite ich momentan in textlicher Hinsicht daran, den Mythos um AVE weiterzuentwickeln, der mit der Band-Biographie „Die Akte des Lector Z.“ bereits begonnen wurde, wobei diesmal allerdings in viel direkterer Weise extreme und abgründige Sujets und Darstellungen die Handlung bestimmen werden, was bisher eigentlich nur andeutungsweise und zwischen den Zeilen geschah. |
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Zum Abschluss die 3 Standardfragen vom Dark Feather: Wie siehst Du die Entwicklung für Bands speziell in Subkulturen wie der Gothic- und Metal-Szene?
Ich muss gestehen, dass mir der Kontakt insbesondere zur Gothic-Szene ein wenig verloren gegangen ist. Das liegt zum einen daran, dass mir persönlich auffiel, dass nicht selten eine große Intoleranz und Ablehnung gegenüber Ideen und Bemühungen besteht, die nicht den Szene-typischen „Normen“ und Konventionen entsprechen; aber das ist vielleicht der Fluch jeder Subkultur. Zum anderen ist in den letzten Jahren besonders im Osten Deutschlands in der Szene ein erschreckender Zuwachs an rechtsextremer Gesinnung und Präsenz zu bemerken, die mich doch sehr enttäuscht hat. Ich finde gerade in der Gothic-/Metal-Szene sollte insbesondere von etablierten Künstlern eine deutliche Distanzierung von Rechtsextremismus ausgesprochen werden, viel mehr als das bisher geschieht.
Welche Vor- und/oder Nachteile siehst Du in großen Webcommunities wie z.B. myspace? Der Vorteil ist sicherlich der, dass z.B. auf MySpace wirklich jeder die Möglichkeit hat, seine Musik zu veröffentlichen und einem breiten Publikum zu präsentieren, und damit auch Kontakte zu knüpfen und Gleichgesinnte und Interessenten zu finden. Positiv ist auch, dass zudem z.T. die Möglichkeit besteht, ganz direkt auch mit lange etablierten Künstlern in Kontakt zu treten (soweit diese die Seite selbst pflegen), das finde ich schon recht spannend.
Was waren bei Dir die bisher positivsten, schrägsten und was die schlechtesten Erfahrungen in der Musikwelt?
Passend zum Thema (das Dionysische) fällt mir dazu ein Auftritt auf dem „Samba-Festival Coburg“ ein, bei dem ich als Gitarrist vor einigen Jahren einer Samba-Gruppe aus Frankfurt aushalf. Während dem großen Abschiedskonzert – bei dem jede beteiligte Band 1-2 Songs auf der Hauptbühne spielen sollte – stürmte während unseres Auftrittes unerwartet eine Gruppe von brasilianischen Tänzerinnen spontan die Bühne, und begann dicht gedrängt auf der Bühne ausgelassen zu tanzen. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass diese Damen beständig auf meinem Gitarrenkabel/-equipment herumtraten, was sehr schnell dazu führte, dass ich nicht mehr zu hören war… mir blieb also nichts anderes übrig, als die Aussicht und den Tanz mit den schönen Frauen zu genießen und die Musik meinen Kollegen zu überlassen…
Ich bedanke mich für dieses Interview, die letzten Worte gehören dem Künstler! :
Ich habe zu danken für das Interesse und die spannenden Fragen! Meine letzten Worte verstehen sich von selbst:
Crown yourself with ivy, anything goes! |
| visit: www.altervocalisego.de |
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