Antichrisis

Zu der folgenden Formation bedarf es einer etwas längeren Einleitung als gewöhnlich, handelt es sich doch bei ANTICHRISIS um einer bereits längeren interessanten und nachhaltigen „Geschichte“. Von Anbeginn ließ Sid seines Zeichens Mastermind hinter jenem musikalischen Kunst“werk“ tiefe Spuren in der Musikszene. Mit Cantara Anachoreta schenkte er in den neunzigern unter anderem Freunde der Gothic-(Metal) Kultur einen musikalischen Schatz, ...

 
Dark Feather Ausgabe 9

...der seines gleichen sucht. Jenes Album und die stetige Weiterentwicklung und Neufindung, welches in großartige Alben wie vor allen „The Legacy Of Love“ und seiner späteren überaus interessanten und überarbeiteten Neuauflage „The Legacy Of Love –Mark II“ mündete, spaltete aber auch von Anfang an die Fronten und sorgte dafür, das einige seine musikalische Ausdrucksform überhaupt nicht folgen konnte, andererseits sich eine eingeschworenen Fangemeinde gebildet hat, die weit über deutsche Landesgrenzen hinausgeht und die die Musik von Antichrisis fest in ihr Herz geschlossen haben.
Zugegeben sein Drittwerk „Perfume“ hat für mich persönlich nicht das gleich hohe Qualitätslevel wie alle seine Veröffentlichungen davor und danach, dieses ist aber nur gemessen an dem hohen Anspruch des Gesamtwerkes Antichrisis. Aus Sicht der allgemeinen Musikveröffentlichungen ist es zweifelsohne eine musikalische Perle, die mehr als Beachtung verdient – it`s always a point of view! Mittlerweile hat, sich weiteres bei dieser Formation verändert, so arbeitet Sid anno 2010 labellos und hat sich vom alteingesessenen Status der Albumveröffentlichung verabschiedet und: man gewinnt den Eindruck, er fühlt sich dabei frei wie nie zuvor. Das merkt man seiner ungebremsten Kreativität an, hört man aus dem Gespräch heraus, fließt letztendlich in dem musikalischen Gesamtprodukt ein. Robert Smith von The Cure soll einmal behauptet haben „Ich kann nur gute Songs schreiben, wenn es mir schlecht geht“, ein absolut nachvollziehbares Statement, denn er hat dadurch große  Schätze der Nachwelt hinterlassen. Dass man aber auch in anderen Stimmungen und Lebenslagen große und vor allem tiefgründige Songs schreiben und umsetzen kann, beweisen uns Antichrisis von heute. Kann sein, das trotz gebliebener Tiefe und Emotionalität manch einer die Grundstimmung von seinen ersten Alben vermisst - aber ist es wirklich ein besseres und tieferes Gefühl zu „The Farewell“ zu weinen als mit „The Point Of No Return“ durch die Welten zu fliegen?..oder nicht doch einfach nur ein anderes?... Fest steht, Sid findet sich mit seiner Musik seit jeher immer wieder neu, denn nichts ist stagnierender als Musiker die sich und ihr Werk stets selbst kopieren. Und somit steht Antichrisis für einen stetig anhaltenden progressiven und kreativen Prozess, und unter anderem das macht Sid als Menschen und Musiker so interessant.
Wenn wir hier von Antichrisis im Kontext sprechen, dürfen an dieser Stelle die Gastmusiker nicht unerwähnt bleiben, die Antichrisis zum Teil schon jahrelang begleiten und:  daß es mit Ayuma an der weiblichen Stimme eine Musikerin gibt, die alle vorherigen female-vocals in der Geschichte Antichrisis sogar noch übertrifft!
Was bei Antichrisis auch anno 2010  unverändert und  kontinuierlich geblieben ist? - Die Emotionalität und Großartigkeit in ihrer Musik, die Sid und Co. nach wie vor der (Nach)Welt schenken!...

CD Symbol

Hallo Sid, ich heiße Dich erneut herzlich willkommen beim Dark Feather! Wie geht es Dir oder besser gefragt: was macht die Kunst?

Hallo Holger - Danke der Nachfrage: Die Kunst wächst und gedeiht - diesbezüglich läuft also alles bestens. 

Sid - Antichrisis 1

Du warst bereits vor einem Jahr bei uns zu Gast, seitdem ist einiges bei Antichrisis passiert. Unter anderem auch die Trennung von Deinem ehemaligen Label Reartone Records. Magst Du den Lesern kurz erzählen, wie es dazu kam?

Es war eigentlich keine Trennung - Reartone Records musste leider aufgrund der wirtschaftlichen Krise in der Musikbranche die Segel streichen, weil ein vernünftiges bzw. halbwegs profitables Arbeiten nicht mehr möglich war. Die Anzahl illegaler Downloads übersteigt mittlerweile die Zahl der verkauften Tonträger um ein Vielfaches, und so  wurden Produktion und Vertrieb von CDs für Reartone Records immer mehr zum Verlustgeschäft, weshalb Jens und Martin, die beiden Chefs von Reartone, irgendwann mal die Notbremse ziehen mussten, was ich in Anbetracht der Faktenlage auch absolut nachvollziehen konnte.
Es gab also keine dramatische Trennung oder ähnliches, sondern lediglich eine Art "Aufhebung" unserer Geschäftsbeziehung in gegenseitigem Einvernehmen. Dem freundschaftlichen Verhältnis, das nach wie vor zwischen mir und den Reartone-Jungs herrscht, hat es überhaupt keinen Abbruch getan. 

Im Moment bist Du kontinuierlich am Produzieren von neuen Songs, welche wie gewohnt unvergleichbar zu vergangenen Veröffentlichungen stehen, aber auch wie gewohnt Klasse in sich bergen, wie zum Beispiel "Stone Rain", "Here Comes The Night”, "Shine" oder das auf unserem Sampler vertretene Stück "The Point Of No Return" beweisen. Irgendwie fühlt man neben der Tiefe der Songs auch eine sehr positive Energie aus den Songs heraus. Kann man sagen, dass die derzeitige und neue Situation auf Antichrisis befreiend wirkt?

Ja, auf jeden Fall. Da ich ja nicht von der Musik lebe, sondern mir meine Brötchen mit einem ganz normalen und mitunter recht anstrengenden Vollzeitjob verdiene, bin ich heilfroh, wenn mir in meiner Freizeit genügend Zeit bleibt, um an neuen Antichrisis-Songs zu arbeiten oder gemeinsam mit Ayuma Aufnahmen zu machen. Ich mach' ja ohnehin schon Vieles im Alleingang, angefangen vom Schreiben, Arrangieren und Produzieren der Songs, über die Gestaltung der Antichrisis-Website bis hin zum Beantworten von Fanmails etc. Wenn da noch der ganze administrative und PR-mäßige Aufwand, der mit der Produktion und Vermarktung einer CD normalerweise verbunden ist, hinzukommen würde, würde es in puncto Zeitmanagement schon ganz schön eng werden.
Von daher ist die neue Situation ohne Label und somit auch ohne Notwendigkeit, einen Tonträger produzieren zu müssen, insofern befreiend für mich, da ich jetzt einfach in Ruhe an den neuen Songs arbeiten kann, ohne mich nebenbei um irgendwelche anderen Bereiche des Musikbusiness kümmern zu müssen. Sobald ein Song fertig ist, kann ich ihn online stellen und muss nicht lange warten, bis er auf CD veröffentlicht ist, so dass nun auch die Hörer direkter am musikalischen Schaffen von Antichrisis teilhaben können.

Du hast mit Ayuma seit einiger Zeit eine neue weibliche Gaststimme am Start, welche sich hervorragend in die Antichrisis Welt einfügt. Wie wichtig ist Dir der weibliche Kontrast zu Deiner Stimme, welcher ja schon immer in der Antichrisis Musik vorhanden war?

Ayuma hat sich wirklich hervorragend als Sängerin in die Musik von Antichrisis eingefügt, was gar nicht so leicht ist, da die Songs aufgrund ihrer Verschiedenartigkeit eine verdammt hohe tonale und emotionale Spannbreite erfordern. Ayuma verbeisst sich jedoch regelrecht in die jeweiligen Songs, macht ihre Gesangsaufnahmen in Eigenregie, bringt jede Menge eigener kreativer Ideen mit ein und ist mir darüber hinaus auch noch eine große Hilfe beim Mixen und Mastern, so dass unsere diesbezügliche Zusammenarbeit wirklich hervorragend läuft. Aufgrund dessen trifft der Status einer Gastsängerin auf Ayuma längst nicht mehr zu, sondern sie ist mittlerweile vollwertiges Mitglied von Antichrisis, d. h. Antichrisis funktioniert mittlerweile wie die White Stripes, She & Him oder The Ting Tings: Ein Kern, der aus einem Duo besteht und bei Bedarf von anderen Gastmusikern wie z. B. dem Bariton Frank Hennig oder Näx mit seinem irischen Dudelsack unterstützt wird.
Stimmen sind für mich in erster Linie nichts anderes als Instrumente bzw. Klangfarben - und so, wie ich verschiedene Instrumente verwende, um ein bestimmtes Gefühl zum Ausdruck zu bringen oder einem Song einen besonderen Charakter zu verleihen, verwende ich auch gerne unterschiedliche Stimmlagen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. So passt zu manchen Songs oder Passagen mitunter eine klassische Gesangsstimme, weshalb ich in derartigen Fällen gerne auf Frank als Gastsänger zurückgreife. Und da eine weibliche Stimme im Regelfall andere Frequenzbereiche abdeckt als eine männliche, setze ich männliche und weibliche Vocals zusammen ein, weil sich durch deren Zusammenwirken eine größere musikalische Ausdruckskraft erreichen lässt, zumal es ja nicht wenige Antichrisis-Stücke gibt - und "The Point Of No Return" ist in dieser Hinsicht ein besonders gutes Beispiel - in denen sozusagen eine Art Dialog zwischen männlichen und weiblichen Protagonisten stattfindet, so dass eine diesbezügliche Rollenaufteilung schon allein unter diesem Gesichtspunkt Sinn ergibt.

Ayuma ist (wenn ich das mal verraten darf) ja auch im privaten Leben an Deiner Seite. Wie ist das eigentlich bei den Produktionen, bringt das neben den klaren Vorteilen auch manchmal Nachteile mit sich, bezüglich Kompromissbereitschaft etc. ? :-)

Ayuma und ich sind seit über 4 Jahren zusammen und seit knapp 2 Jahren verheiratet, aber die von Dir aufgeführten Nachteile haben sich durch unsere Beziehung definitiv nicht in der Musik niedergeschlagen. Für uns beide steht immer der jeweilige Song im Vordergrund und nicht das Ego des Künstlers: Wenn ich z. B. feststelle, dass Ayuma einen bestimmten Gesangspart, der ursprünglich für mich vorgesehen war, besser hinbekommt als ich, dann wird sie ihn auch auf der Aufnahme komplett übernehmen, denn letztendlich zählt das songdienlichere Ergebnis - und umgekehrt läuft's genau so.
Genau das macht unsere Zusammenarbeit so ergiebig und entspannt: Zum Einen sparen wir uns unnötige Reibereien, und zum Anderen spornen wir uns gegenseitig immer wieder zu noch besseren Leistungen an. Einen musikalischen Kompromiss in dem von Dir erwähnten Sinne mussten wir daher auch noch nie eingehen, weil wir in Bezug auf die Musik beide absolut kompromisslos sind - und wenn es um das unbeirrte Verfolgen und Beibehalten der eigenen musikalischen Vision geht, wäre ein Kompromiss immer die denkbar schlechteste Lösung.

„The Legacy Remains“ hätte das Album geheißen, wenn Reartone es noch veröffentlicht hätte. Sind Deine neuesten Produktionen praktisch die Songs, die auf dem Album erschienen wären oder schlummern da ältere Stücke in Deinen Archiven?

Natürlich gibt es einige Stücke aus der "The Legacy Remains"-Ära, die mir tatsächlich sehr am Herzen liegen und die ich im Lauf der Zeit mit Hilfe von Ayuma noch veröffentlichen werde. Dazu gehören Songs wie "The Fire Went Out", "No Going Back" oder auch "An Endless FLow". Es wäre schade, wenn diese Stücke für immer in der Schublade verschwinden würden, zumal sie auch in der neuen Besetzung von Antichrisis bestens funktionieren würden. Es gibt aber auch andere Songs aus dieser Zeit wie z. B. "Never Be Friends Again" oder "Wasted Time", die nur mit der damaligen Bandbesetzung funktioniert hätten und die ich deshalb auch nicht mehr aufgreifen werde.
"Shine", "Here Comes The Night" und "Crossing The Line" sind allerdings neueren Datums, d. h. sie entstanden weit nach den "The Legacy Remains"-Aufnahmen. "The Point Of No Return" stellt in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar: Ursprünglich wollte ich den Song unter dem Titel "The Way" auch auf "The Legacy Remains" unterbringen, aber seltsamerweise konnten sich weder Jens, unser Produzent und Gitarrist, noch die anderen damaligen Bandenmitglieder für die Nummer begeistern: Der Song war ihnen zu verschachtelt, zu elektronisch und zu "Disco-lastig". Ich war jedoch schon immer überzeugt von dem Stück; "The Way" wäre für sogar der Schlüssel-Song für das komplette Album gewesen. Allerdings hätte es keinen Sinn gemacht, den Song gegen die Meinung der anderen Bandmitglieder "durchzuboxen", denn dabei wäre erfahrungsgemäß unterm Strich nichts Brauchbares herausgekommen.
Jedenfalls entschloss ich mich daher schweren Herzens, "The Way" nicht für "The Legacy Remains" aufzunehmen - bis eines Tages Ayuma das Playback zu dem Song hörte und sofort Feuer und Flamme für das Stück war! Da aber mittlerweile doch einige Zeit ins Land gegangen war, überarbeitete ich den Song wie auch den Text nochmals gemeinsam mit Ayuma, weshalb es auch zu dem neuen Titel "The Point of No Return" kam - und das Resultat könnt ihr nun auf dem aktuellen Dark Feather-Sampler hören.

Antichrisis ist und war schon immer ein musikalisches Projekt, welche die Fronten spaltet. Einige können damit gar nichts anfangen, die anderen lieben oder gar vergöttern Deine Songs. Eine langweilige Mitte in Form von „Ganz nett“ scheint kaum zu existieren. Für mich gibt es kein größeres Kompliment für einen Künstler. Wie siehst Du das, ist das, oder noch viel wichtiger, war es in der Vergangenheit eher Fluch oder Segen?

Ich hatte schon immer eine Schwäche für Künstler wie z. B. Einstürzende Neubauten, Trent Reznor, David Bowie, Alex Harvey, Mark E. Smith, Radiohead etc., also Bands oder Interpreten, die es schaffen, das Publikum allein durch ihre künstlerische Integrität, ihr bewusste NichtAnerkennung musikalischer Grenzen und nicht durch ausschliesslich inhaltliche Provokation a là Rammstein oder Marylin Manson zu polarisieren. 
Meine Musik war schon immer absolut authentisch und hochgradig emotional - daher kann ich es durchaus nachvollziehen, wenn manche Menschen nichts mit Antichrisis anfangen können, weil sie eben die Gefühle, die hinter meinen Songs stehen, entweder nicht nachempfinden können oder einfach anders empfinden. Darüber hinaus muss man, um Antichrisis zu mögen, von jeglichem Schubladendenken befreit sein, denn meine Musik lässt sich keinem bestimmten Genre zuordnen: Wer nur Metal hören will, wird zwangsläufig enttäuscht werden, weil in meinen Songs nur wenige Metal-Elemente auftauchen; wer auf Gothic steht, wird mit den vielen Folk- und Rock-Einflüssen in meiner Musik Probleme haben usw. 
Zwar tauchen in meiner Musik jede Menge Einflüsse auf den Bereichen Rock, Pop, New Wave, Folk, Punk, Metal,Techno, Electronica, Alternative, Klassik oder auch Gothic auf, aber eben nie ausschliesslich oder in einer eindeutig identifizierbaren Art und Weise, mit der die Hardcore-Fans der jeweiligen Musikrichtung glücklich werden würden. Somit habe ich Antichrisis zwangsläufig zwischen sämtlichen Stühlen platziert, was dazu geführt hat, dass es zwar einen wirklich harten Kern von Fans gibt, die mir über all die Jahre unbeirrt und hartnäckig die Treue gehalten haben, weil sie auf diesen spezifischen Antichrisis-Touch stehen, aber letztendlich hat diese Charakteristik meiner Musik auch dazu geführt, dass Antichrisis zwar als "Kritikerliebling" gehandelt wird, jedoch niemals den großen Durchbruch geschafft hat und vermutlich auch nie schaffen wird. 
Damit kann ich jedoch bestens leben, denn irgendwie ist die Musik von Antichrisis wie ein guter Whisky: Die ganzen Geschmacksnuancen, die darin enthalten sind, erschliessen sich nicht vordergründig auf der Zunge, sondern erst im Abgang und wirken dort auch noch lange nach! ;-)
Ayuma hält es bei ihrem eigenen deutschsprachigen Projekt, das schlichtweg "Ayuma" heisst, genau so: Auch sie verarbeitet alle mögliche Spielarten vom Chanson bis hin zu Ambient und lässt sich nie auf nur eine Richtung festlegen, wovon ihr euch auf www.myspace.com/ayumamusic leicht selbst überzeugen könnt.

Auffallend ist, dass Du seit jeher nichts um Klischee-Erfüllung und Schubladenmaße gegeben hast. Wie wichtig ist es Dir als Musiker, immer auf Deine innere Stimme zu hören und in wie weit lässt Du Dir auch mal von anderen Involvierten herein reden?

Ich mache stets nur das, was der Song erfordert: Aus diesem Grund kümmere ich mich weder um stilistische noch formale Beschränkungen, sondern verarbeite alle Einflüsse und Inspirationen, die sich im Rahmen des Entstehungsprozesses eines Songs ergeben bzw. die die innere Logik des Songs selbst vorgibt. 
Somit folge ich beim Songwriting, Arrangieren und Aufnehmen tatsächlich nur meiner eigenen inneren Stimme. Wenn es jedoch ans Abmischen geht, ist eine gewisse Distanz zum Song vonnöten, die ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht mehr habe - und da ist es dann immer hilfreich, wenn mir Ayuma, die über ein extrem gutes musikalisches Gehör verfügt, den einen oder anderen Rat hinsichtlich dessen, was noch verbessert werden könnte, gibt.
Da Du ja auch Studioerfahrung hast, wirst Du vermutlich den Effekt kennen, dass man sich einen Song sozusagen "schönhören" kann, d. h. einem selbst kommt der Mix aufgrund der langen Beschäftigung mit dem Song schon völlig ausgewogen vor, obwohl er noch Optimierungsbedarf hat… und in solchen Fällen ist Ayuma, die den Song deutlich neutraler wahrnehmen kann, definitiv eine große Hilfe für mich. Im Hinblick auf Aufnahme- und Spieltechnik lass' ich mir darüber hinaus auch immer wieder mal den einen oder anderen Tip von Jens, unserem früheren Produzenten, oder Tilo, unserem ehemaligen Keyboarder, geben - aber Einfluss auf mein Songwriting oder die Art und Weise, wie ich einen Song gestalte, hat das nicht.

Sid - Antichrisis 2

Du gehst jetzt ganz klar die neuen Wege der Veröffentlichung und hast Dich von physischen Tonträgerveröffentlichungen verabschiedet. Wie schätzt Du allgemein die Entwicklung auf dem Musikmarkt ein und in welche Richtung wird sich das Deiner Meinung nach noch bewegen? 

Ganz klar: Die Zukunft gehört dem Internet und dem Download-Markt! Zumindest gibt es in Regionen mit ausreichender Breitband-Internetversorgung keinen vernünftigen Grund mehr für die Verwendung physikalischer Datenträger; ganz egal, ob es sich dabei um Bücher, Filme oder Musik handelt. Sofern man über genug Speicherplatz auf der Festplatte verfügt, lassen sich im Prinzip all diese Inhalte auf ein digitales Medium übertragen, und wenn ich mir mobile Geräte wie den gerade von Apple auf den Markt gebrachten iPad anschaue, gehe ich davon aus, dass wir in Zukunft sämtliche multimedialen Inhalte nur noch über derartige Geräte konsumieren werden, weil es der weitaus bequemere und vor allem mit weitreichenderen Möglichkeiten verbundene Weg ist, da hier alle Inhalte miteinander verknüpft werden können.
Davon wird zwangsläufig auch der Musikmarkt betroffen sein bzw. ist er es im Grunde genommen ja jetzt schon: Die Umsätze bei CD-Verkäufen brechen weltweit ein, und je besser, bequemer und kostengünstiger die Einkaufsmöglichkeiten für digitale Downloads werden, desto mehr werden die Hörer wieder bereit sein, auf illegale Downloads zu verzichten und sich die Songs ihrer Lieblingsbands auf legalem Wege zu besorgen.
Damit ändert sich aber gleichzeitig auch die gesamte Infrastruktur der Musikbranche: Die Kunden werden nämlich nicht mehr bereit sein, die Kosten für aufwändige Studioproduktionen zu bezahlen. Wenn z. B. irgendeine angesagte Rockband über 2 Jahre in einem technisch erstklassigen Nobel-Studio ein neues Album aufnimmt, wachsen die Produktionskosten logischerweise ins Unermessliche, und diese Kosten müssen inklusive der Aufwendungen für Werbung natürlich an den Konsumenten weitergegeben werden. In dem Moment, wo ein Künstler jedoch im Heimstudio arbeitet, wo er ebenfalls qualitativ hochwertiges Material aufnehmen kann, hat er in Bezug auf die Herstellungskosten einen Vorteil, den er an den Kunden weitergeben kann. Aus diesem Grund bin ich auch kein Freund einheitlicher Preisgestaltungen in den Online-Stores: Logischerweise müssen aufwändige Produktionen auch entsprechend bezahlt werden, weshalb es völlig nachvollziehbar ist, dass z. B. der Download eines Metallica-Songs im Regelfall ca. 1 Euro kosten muss. Ein unabhängiger Künstler, der sein Material  kostengünstig in einem kleinen Studio produziert hat, könnte seinen Song hingegen beispielsweise für 20 Cent anbieten, was wiederum die Hemmschwelle für den Käufer deutlich senken würde.
Meine Zukunftsvision wäre jedenfalls, dass Musik überall per Download zu einem fairen Preis erhältlich sein wird; dass der Käufer selbst entscheidet, welche Songs er haben möchte (somit ist auch das Album zu einer "Darbietungsform" geworden, die sich überlebt hat), und dass es für Künstler einfacher werden wird, ihre Musik unter Ausschaltung des Zwischenhandels direkt zu vermarkten - wobei wir uns aber auch nichts vormachen dürfen: Der Markt ist mittlerweile definitiv übersättigt, d. h. wer Musik macht, um davon leben zu können, sollte sich von vorne herein darauf einstellen, dass die Chancen für eine derartige Karriere schätzungsweise genau so hoch sind wie die auf einen Sechser im Lotto.

Der Vorteil, der Einzelsongveröffentlichung liegt ganz klar auf der Hand. Es ist nicht unbedingt wichtig, einen Bezug zum vorangegangenen Song zu veröffentlichen. Dennoch hat Antichrisis in der Vergangenheit ja gewollt oder ungewollt eine Form von Konzeptalben veröffentlicht. Hast Du das bei Deinen neuesten Outputs auch immer irgendwie im Hinterkopf oder ist es schon eher so, dass jeder neue Song auch eine in sich abgeschlossene musikalische und lyrische Geschichte  bildet?

Wie bereits erwähnt erachte ich Alben für nicht mehr zeitgemäß, zumal ein guter Song auch außerhalb eines Album-Kontextes funktionieren sollte. Und seien wir doch mal ehrlich: Wie viele wirklich hochklassige Alben gibt's denn in der Rock- und Pop-Geschichte? Damit meine ich Alben, die wirklich von vorne bis hinten erstklassig sind und die keinerlei Füllmaterial enthalten? Da wird die Luft schnell ziemlich dünn, und das werfe ich den Künstlern selbst nicht mal vor: Kreativität ist nun mal ein nicht steuerbarer Prozess, und ich habe noch nie von einer Muse gehört, die den Künstler dermaßen heftig geküsst hätte, dass er innerhalb einer Nacht Ideen für 14 neue Songs bekommen hätte. 
Ich kenne genug Bands - und zu deren Ehrenrettung sei gesagt, dass es sich dabei wahrlich nicht um die schlechtesten handelt - die im Laufe ihrer Karriere einige bzw. sogar viele hervorragende Singles, jedoch nur mittelmäßige bis grottenschlechte Alben veröffentlicht haben. Bei diesem Thema fallen mir spontan Bands wie The Jam, Oasis, Ultravox oder auch Frankie Goes To Hollywood ein. Trotzdem wurden diese Bands aufgrund der Marktmechanismen dazu gezwungen, Alben aufzunehmen, was in meinen Augen reinste Potenzialverschwendung ist.
Aber ich schweife ab: Ja, früher hat es mir tatsächlich Freude bereitet, ein Konzept für ein Album zu entwickeln und die Songs darauf abzustimmen. Aber bei diesem Prozess verwirft man eben auch viele gute Ideen, weil sie nicht in den Albumkontext passen würden, sprich: man zensiert sich sozusagen selbst. Aus diesem Grund habe ich diesen Ansatz mittlerweile verworfen und stelle fest, dass meine Ideen seitdem viel freier fliessen können, weil ich sie in keinerlei konzeptionelle Form mehr zwängen muss. Für einen Songwriter sollte ein Song ausreichen, um eine komplette Geschichte erzählen zu können - wenn man größere Ambitionen hat, sollte man vermutlich eher Schriftsteller werden und Romane schreiben.

Sprichst Du eigentlich von Antichrisis 2010 aufgrund der veränderten Situation in seiner Gesamtheit weiterhin als Band oder als Projekt?

Antichrisis ist aufgrund der vorab geschilderten Entwicklungen zu einem Duo "mutiert", das gelegentlich von Gastmusikerinnen und -musikern unterstützt wird. Eine Band im traditionellen Sinne ist Antichrisis auf keinen Fall mehr.

Es gibt mit Sicherheit viele, die noch nie die Gelegenheit hatten, Antichrisis live zu erleben. Der ein oder andere ärgert sich, die Gelegenheit in der Vergangenheit verpasst zu haben, neue nachfolgende Generationen hatten einfach noch nicht die Möglichkeit. Kannst Du Dir vorstellen, Antichrisis jemals noch mal auf die Bühne zu bringen?

Das könnte ich schon - aber ich glaube, der Aufwand, um die Songs so umsetzen zu können, wie sie mir und Ayuma vorschweben, wäre derart hoch, dass sich ein solches Projekt in finanzieller Hinsicht kaum tragen würde. Und ich muss gestehen, dass es mich ohnehin mehr reizt, an neuen Songs zu arbeiten, als bereits aufgenommene Songs zu reproduzieren, was im Vergleich zu anderen Kunstformen sowieso eine merkwürdige Eigenheit der Musikbranche ist: Kein Mensch würde von einem Maler erwarten, auf Tour zu gehen und jeden Abend vor einem anderen Publikum sein erfolgreichstes Bild noch mal neu zu malen.

Was wünscht Du Dir noch für Deine weitere musikalische Zukunft?

Du wirst es nicht glauben, aber in der Hinsicht bin ich wirklich absolut glücklich: Die Möglichkeiten, die ich mittlerweile habe, um meine musikalischen Ideen umzusetzen; die Art und Weise, in der ich mit Ayuma zusammenarbeiten kann - all das ist einfach perfekt. Das Einzige, was ich mir noch wünschen würde, wäre einfach, mehr Zeit für die Musik zu haben.
Ansonsten blicke ich der musikalischen Zukunft gespannt und neugierig entgegen, denn mit jedem Jahr erscheinen im DAW-Bereich immer ausgefeiltere Software-Synthesizer und Plugins, die es einem - sofern man bereit ist, sich ein wenig mit der Materie zu beschäftigen - mehr und mehr ermöglichen, die eigenen Ideen noch besser und kompromissloser umzusetzen. Und da die Rechenleistung der Computer ebenfalls immer weiter anwächst, liegen die Grenzen der Möglichkeiten, die man bereits jetzt schon hat, im Grunde genommen nur noch in der eigenen Vorstellungskraft! Ich finde es jedenfalls genial, dass ich heutzutage zu Hause auf meinem iMac Produktionen machen kann, die noch vor 10 Jahren bestenfalls in teuren Studios möglich gewesen wären, und mit Tools wie den Plugins von Spectrasonics oder auch Celemonys Melodyne können letztendlich Pfade beschritten werden, die eine völlig neue Art des Musizierens ermöglichen...

So Sid, da ich Dich in unserer Ausgabe 3  für die „Aus-Gefragt“ Rubrik gewinnen konnte, habe ich Dir die gewohnten und beliebten 3 Standardfragen vom Dark Feather zum Abschluss noch nicht gestellt, hier kommen sie ;-) :

"Wie siehst Du die Entwicklung für Bands speziell in Subkulturen wie der Metal,- Gothic und verwandten alternativen Szene(n)?"

Wie auch schon beim letzten Mal muss ich gestehen, dass ich so gut wie keine Metal- oder Gothic-Bands höre (und wenn mir da im Sommer letzten Jahres nicht ein befreundeter Musik-Redakteur 2 CDs von Amatris zugesendet hätte, hätte ich in den letzten 2 Jahren vermutlich überhaupt nix Gothisches mehr gehört). Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass die beste und innovativste Musik momentan sowieso außerhalb der üblichen Pfade gemacht wird. So stosse ich im Internet z. B. bei http://one-track-mind.com, http://www.youtube.com/musicianswanted oder auch bei http://www.thesixtyone.com immer wieder auf Künstler und Bands, von denen ich zwar noch nie etwas gehört habe, die aber mit tollen Ideen und großartigen Songs auf sich aufmerksam machen.
In letzter Zeit haben mich diesbezüglich vor allem Bands und Künstler wie First Aid Kit, Dominique A., LCD Soundsystem, Glasvegas, Yeasayer oder auch The Unwinding Hours begeistern können. Selbst alte Helden wie die Fehlfarben haben mit "Glücksmaschinen" ein hervorragendes neues Album veröffentlicht, und Amy MacDonald's neues Album "A Curious Thing" ist ebenfalls überraschend gut ausgefallen.
Da ich aber wie gesagt von bestimmten Szenen im Allgemeinen keine große Ahnung habe (das ist definitiv einer der Vorteile, wenn man etwas zurückgezogen lebt), kann ich auch deren Entwicklung nicht beurteilen - ich stelle eben nur fest, dass die Bands und Künstler, die ich gerne höre, meist keiner bestimmten Szene angehören bzw. stilistische Grenzgänger sind.

Welche Vor- und/oder Nachteile siehst Du in großen Webcommunities wie z.B. myspace?

Da sprichst Du was an: Dieser ganze Web 2.0-Social-Networking-Scheissdreck geht mir so was von auf den Sack! Die MySpace-Präsenz von Antichrisis hat zwar tatsächlich zu einem kleineren Popularitätsschub geführt, aber der Aufbau und die Struktur der MySpace-Websites ist dermaßen bescheuert, unübersichtlich und hässlich, dass ich die Popularität dieser Community wirklich nicht verstehe - und bei Facebook & Co. sieht's keinen Deut besser aus. Twitter und Google Buzz find ich in der Hinsicht noch einigermaßen vertretbar, aber den Rest halte ich für absolut überflüssig und darüber hinaus in puncto Datenschutz für höchst bedenklich, wobei die Fehler da nicht bei den Dienste-Betreibern liegen, sondern durch die mangelnde Medienkompetenz der meisten User hervorgerufen werden, die völlig bedenkenlos ihre privatesten Daten preisgeben und sich hinterher wundern, wenn damit Missbrauch betrieben wird). 
Es geht eben nach wie vor nichts über die gute alte Email und eine schön gestaltete eigene Website: Wer auf www.antichrisis.net oder http://web.mac.com/ayuma vorbeischaut, wird wenigstens nicht dazu verleitet, seine Zeit mit Farmville oder ähnlichem Quatsch zu vergeuden.

Was waren bei Dir die bisher positivsten, schrägsten und was die schlechtesten Erfahrungen in der Musikwelt?

Diesbezüglich hat Hunter S. Thompson (einer der besten Musikjournalisten, die ich kenne, der aber leider schon 2005 gestorben ist) alles gesagt, was zu sagen ist und dem auch ich nichts mehr hinzuzufügen habe:
"The music business is a cruel and shallow money trench, a long plastic hallway where thieves and pimps run free, and good men die like dogs. There's also a negative side." 

Ich bedanke mich für dieses Interview, die letzten Worte gehören wie immer dem Künstler! :

Vielen Dank an Dich für Deine wirklich interessanten Fragen und Deine Unterstützung - und weiterhin viel Erfolg für Dark Feather! Desweiteren möchte ich mich bei all den Fans bedanken, die Antichrisis über all die Jahre die Treue gehalten haben und sich immer wieder mit teilweise sehr schönen Emails bei mir melden.

visit: www.antichrisis.net

 

 

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