Helliön

Vier Silberlinge haben die Bremer Jungs von Helliön bereits am Start. Mit ihrer energiegeladenen Mucke von Glam Rock über Punk bis Metal zelebrieren sie den Rock`n Roll Livestyle pur und haben gerade mit „Divine Decadence“ ihren neuesten Output in die Meute geworfen, welches über Starfish Music veröffentlicht wurde. Mastermind Loxxy outete sich obendrein als redegewandter und sympathischer Interviewpartner. Leider hatte ich bisher noch nicht die Gelegenheit den Vierer live zu erleben, aber soviel steht bei dem vorhandenen Material fest, wenn sie mit ihren „Rock`n Roll Zirkus“ mal in Eurer Nähe aufschlagen, ist Erscheinen Pflicht!

 
Dark Feather Ausgabe 9

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Hallo Loxxy, hallo Helliön, willkommen beim Dark Feather! Für alle, die Euch noch nicht kennen, wie sieht denn Eure aktuelle Besetzung aus?

Hell-ö Holger, hell-ö Dark Feather! Tja, die Frage kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt, da sich bei uns kürzlich nach Jahren der Line Up-Stabilität ein Besetzungswechsel ereignet hat: Für unseren Lexxy, der sich vor kurzem freiwillig in die Rockerrente verabschiedet hat, schwingt jetzt bei uns 3eex* (gesprochen: Triple Eeek Sprotz), manch einem vielleicht durch seine Arbeit mit den Death-Metaller „Blood Vortex“ (vormals „Operation Counterstrike“) bekannt, den Lead-Bass. Ansonsten besteht Helliön seit Ewigkeiten aus unserem echt schnellen Lead-Gitarristen Fixxy, Lead-Schlagzeuger Kixxy und mir.

Helliön 1

Ihr habt gerade Euren neuen Tonträger „Divine Decadence“ auf die Meute losgelassen. Was erwartet die Fans auf diesem Output?

Mehr oder minder die Quintessenz einer zehnjährigen Bandentwicklung, sozusagen ein persönliches „Best of“. Ansonsten gönnen wir uns die Freiheit, die Grundbasis Rock mit allen möglichen und unmöglichen Elementen zu kombinieren. Das Spektrum reicht dann im Endeffekt von grenzdebilen Punkpopsongs wie „Farmer’s Pride“ über dezente Metal- und Folkeinflüsse wie in „Merlin“ bis hin zu melancholischen Epikballaden wie „When the Ice turns to Water“.

So wie man ja auch als Mensch mitunter zwischen schwachsinnigem Geblödel und nachdenklichem Gegrübel schwankt, klingt meiner Meinung nach auch das Album. Allein die Tatsache, dass als Gastmusiker unter anderem sowohl Okan von D.T.A. als auch der Stedinger Shanty Chor mit an Bord sind, spricht diesbezüglich wohl Bände.

Ihr seid ja auch schon länger in den musikalischen Gefilden unterwegs. Wie und wann fing denn das alles bei Euch mal an?

Eigentlich ganz klassisch: Die Urbesetzung, von der jetzt nur noch Fixxy und ich übrig sind, verlebte ihre Jugend kollektiv in einer äußerst suburbanen, fast ländlichen Gegend... und da wir alle mit wie auch immer gearteter Vereinsmeierei nix am Hut hatten, sondern lieber Bier trinken und rumdröhnen wollten, haben wir uns von Taschengeld und Ferienjobs nach und nach Equipment zusammengespart und uns wann immer möglich in einen Proberaum eingeschlossen, wo wir zwar ohne jeden Plan, dafür aber mit Ambitionen und jeder Menge Herzblut Krach machen konnten. Dass sich das Ganze im Endeffekt so lange gehalten hat, zeugt meiner Ansicht nach von unheilbarer Muckeleidenschaft, Entwicklungspotential und nicht zuletzt auch ökonomischer Idiotie – Geld haben wir mit Helliön nämlich nie genug verdient, um die laufenden Kosten auch nur annähernd decken zu können.

Mit Eurer musikalischen Bandbreite sprecht Ihr  vom Glam-Rocker bis zum Metaller ein breiteres Publikum an. War dies einst ein geplanter Schritt oder seid Ihr ganz einfach offen für vieles?

Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, sogar der Neo-Folker, Punkfan und Psychedelic-Rocker kann sich bei uns mitunter seine Rosinen rauspicken. Von einem wie auch immer gearteten Plan kann allerdings keine Rede sein: Das meiste läuft bei uns schlicht nach dem Lustprinzip und die meisten Nummern passieren eher mehr oder weniger zufällig, als dass wir sie konstruieren. Und ja: Wenn man den Musikgeschmack aller Bandmitglieder addiert, dürfte wohl so ziemlich jede Musikrichtung in der Gesamtsumme vertreten sein, wenn man mal den ganzen Retorten-Top40-Quatsch außen vor lässt – aber wir sprachen ja auch von „Musik“. Ein verhältnismäßig geringer Bekanntheitsgrad garantiert natürlich auch das Privileg, sich mit keiner wie auch immer gearteten stilistischen Erwartungshaltung konfrontiert sehen zu müssen. Allerdings ist es auch nicht immer von Vorteil, dieses Privileg zu nutzen, da man auf der einen Seite zwar viele Geschmäcker partiell anspricht, sich andererseits jedoch auch irgendwie zwischen alle Stühle setzt: Gerade in Norddeutschland sind wir vielen „echten“ – und zumeist recht jungen -  Metallern nicht hart genug, während massenkompatiblere Großveranstaltungen, vor allem solche, die sich ansonsten gerne mit ihrer pseudoalternativen „Open-Mindedness“ brüsten, bei Erwähnung unseres Namens meist schreiend die Kreuze zücken, weil wir ja zu sehr „Metal“ sind. Uns ist es letztendlich egal, in welche Schublade man uns packen will, solange sich die Musik, die wir spielen, für uns ehrlich anfühlt und wir uns damit identifizieren können.

Dennoch zieht sich ein roter Faden durch die Musik von Helliön, der Wiedererkennungswert ist auf jeden Fall vorhanden. Wie geht Ihr denn ans Songwriting ran?

Oh, danke! Auch hier gibt’s eigentlich kein Patentrezept, aber meistens läuft’s so ab, dass entweder ich ca. 60% des entsprechenden Songs vorbereite und wir dann im Proberaum die fehlenden 40% ergänzen, oder wir im Proberaum rumjammen bis irgendwas ganz gut klingt, und ich danach versuche, dem ganzen eine Art Songstruktur zu verpassen. Das ist im Endeffekt genauso chaotisch, wie’s hier klingt, zumal wir uns im Vorfeld ja auch nicht sagen: „Das muss jetzt soundso klingen und soundso schnell sein.“ Der Wiedererkennungswert ergibt sich dann offenbar sowohl durch mein traditionelles Weltbild, dass ein Rocksong einfach einen prägnanten Chorus braucht als auch durch die Tatsache, dass sich jeder von uns in jahrelanger Autodidaktik seinen individuellen Instrumentalstil erarbeitet hat, bei dem gewisse Herangehensweisen immer durchschimmern, egal, was für einen Stil man gerade spielt

Soweit ich weiß, ist „Divine Decadence“ bisher Euer viertes musikalische Output oder habe ich mich da verzählt?...wo liegen denn Eurer Meinung nach die größten Unterschiede von den Vorgängern zu  „Divine Decadence“?

Naja, wie man’s nimmt: DD ist sozusagen unser erstes „richtiges“ Album, während es sich bei den vorherigen Outputs um mehr oder minder missglückte Eigenproduktionen handelte, in die wir zwar viel Zeit und Energie, nicht aber das nötige Know-How investierten, weshalb uns der Klang der Stücke letztendlich nie wirklich zufrieden gestellt hat. Deshalb befinden sich auf DD auch einige Stücke, die der geneigte Obskuritätensammler u.U. schon von den Vorläufern „Fire & Ice“ und „667“ kennen könnte und die jetzt erstmals mit einem amtlichen Studiosound versehen wurden. Dieser entspricht zwar auch noch nicht zu 100% unseren eigenen Idealvorstellungen; nochmal werden wir dieselben Songs deswegen jedoch nicht einspielen.

Auch habt Ihr mit „667“ und „Hell’s Granny“ coole Videos am Start. Wie kam es eigentlich damals zu der Idee und wie gestaltete sich die Umsetzung?

Der „Hell’s Granny“-Clip ist eigentlich eher ein Patchwork aus über die Jahre angesammelten Livevideos und dieser komischen Animation, die unser „Direct-Art and production support and product junior stylistic Supervisor“, was auch immer das sein soll, mal aus Jux zu der Demoversion des Songs gemacht hat. Ein damaliger Kollege von Fixxy kannte sich zum Glück mit dem ganzen Videokram aus und hat der Sache letztendlich sogar auch noch seine ureigene Note verpasst.
„667“ ist aus ’nem freundschaftlichen Null-Kohle-Deal mit dem Bremer Splatterfilmer Stefan Svahn entstanden: Ich habe ihm den Score zu seinem immer noch aktuellen Langstreifen „Voodoo Curse- Legba’s Rache“ zusammengezimmert, in dessen Soundtrack wir auch als Band auftauchen; und im Gegenzug haben wir zusammen diesen Funsplatterclip konzipiert, dessen Produktion den Guten als Regisseur, Special-FX-Creator, Kameramann, Supervisor und Editor in Personalunion ziemlich auf Trab gehalten hat; schließlich hatten wir zum Filmen nur eine einzige Nacht in dieser leeren Fabrikhalle veranschlagt. Zum Glück hatten wir natürlich auch noch jede Menge gute Kumpels und Kumpelinen, die nix dagegen hatten, sich zusammen mit uns – wahlweise als Zombies oder Succubiester – mit allerlei Ekligkeiten zu beschmieren und gehörig den Arsch abzufrieren. Die nächsten Wochen waren wir alle ganz schön erkältet.


Helliön 2

Eure Mucke birgt eine Menge Energie in sich, wie setzt Ihr jene eigentlich auf der Bühne um?

Abermals klassisch: Whisky, Amps auf zwölf und vor allem: Rocken! Musik, egal wie authentisch, ist ja letztendlich auch immer ein bisschen wie Theater, als das man die Vibes und die Emotionen, die man beim Songwriting empfunden hat, auf der Bühne zu reproduzieren versucht. Letztlich kommt’s meiner Ansicht nach nicht rüber, wenn’s nicht ehrlich gemeint und gefühlt wird; alles andere ist substanzloses Posing. Das soll hingegen nicht heißen, dass wir überhaupt nicht Posen würden; als Zuschauer will ich auf einem Konzert ja auch unterhalten werden und keinen gelangweilten Drömelköppen beim statischen Abspulen ihres Standardprogramms zugucken müssen. Und da wir ja nicht so viele Gigs spielen können wir meist bis zur völligen körperlichen Erschöpfung rocken, was man uns hinterher auch durchaus ansieht.

Zum Abschluss die 3 Standardfragen vom Dark Feather:Wie seht Ihr die Entwicklung für Bands speziell in Subkulturen wie der Metal- und ihr verwandten Szene(n)?

Um da mal eine kleine Allegorie zu bemühen: Ich habe manchmal den Eindruck, als würden sich immer mehr Hunde um einen Platz an einem immer kleineren Fressnapf kloppen. Auf der einen Seite scheint zwar die Metal- und auch Gothicszene immer größer zu werden, was die Expansion von Festivals wie Wacken oder dem WGT belegt, auf der anderen Seite wird’s gerade als kleine Band ohne großes Promoetat immer schwieriger, an anständige Gigs zu kommen, zumal die meisten Veranstalter ja auch nicht allzu sehr daran interessiert sind, ein Minus zu machen und ja mittlerweile selbst angesagte Szenegrößen kleine Clubs und  Festivals bespielen, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch unter der Würde dieser Herrschaften lagen. Letztendlich scheint sich –das ist zumindest mein Eindruck - oft vor allem derjenige durchzusetzen, der zwar auch nix weltbewegend Neues zu bieten hat, aber seinem gesamten Umfeld mit einer dermaßenen Penetranz zu Leibe rückt, dass man ihm schon einen Slot einräumt, damit er endlich die Fresse hält. So ’ne Anbiederei liegt uns als unterkühlte Norddeutsche natürlich nicht.

Welche Vor- und/oder Nachteile seht Ihr in großen Webcommunities wie z.B. myspace?

Die Vorteile liegen ja auf der Hand: Ohne MySpace dürften wir jetzt wohl dem legendären „Dark Feather“ kaum ein Interview geben. Nein, im Ernst: MySpace ist schon ’ne tolle Sache und vereinfacht die Kontaktaufnahme zu anderen Bands, Fans und Veranstaltern bisweilen extrem, vor allem wenn man genug Zeit erübrigen kann, massenhaft Leute anzuschreiben und zu hoffen, dass ein paar von denen sich auf Deinem Profil mal ein paar Songs anhören und vielleicht zu ’nem Gig kommen, was bei uns jedoch eher selten der Fall ist. Ich selber mach das ja auch so, dass ich mir immer erst mal ein paar Songs am PC anhöre und dann entscheide, ob ich zu ’ner Show von ’ner unbekannten Band gehe oder nicht. Überbewerten würd’ ich das ganze jedoch nicht, sondern als techno-logische Erweiterung von bereits bestehenden Netzwerken, z.B. über Fanzines, Szeneclubs o.ä. betrachten.

Was waren bei Euch die bisher positivsten, schrägsten und was die schlechtesten Erfahrungen in der Musikwelt?

Negativ war sicherlich die ganze Begleitgeschichte um „Divine Decadence“, dessen Aufnahmen nun schon eine ganze Weile zurückliegen und dessen Urheberrechte wir uns letztendlich sogar mit juristischen Bandagen sichern mussten, da gewisse Vertragspartner offenbar die Auffassung vertreten, dass man sich nicht zwangsläufig an vertraglich getroffene VÖ-Absprachen halten muss... und damit meine ich nicht die Jungs von Starfish, sondern den Herren, in dessen Studio die Geschichte entstanden ist und zu dem Dir sicherlich auch Bands wie Unrest, Arya, Trendkiller, State of Destruction oder Craved noch ’ne ganze Menge erzählen könnten. Wir haben zwischendurch sogar schon überlegt, ob wir das Ding nicht doch lieber „Chinese Democracy“ nennen sollten...
Positiv war dagegen eigentlich so gut wie jeder Gig, wobei ich es natürlich schon geil finde, mal auf dicken Bühnen mit schicker Lichtanlage und so weiter zu spielen, an Kneipen- oder Clubgigs jedoch den direkten Kontakt zu den Leuten schätze, der fast jedes Mal für schräge Konversationen sorgt. Dadurch habe ich unter anderem gelernt, dass eine Konversationseröffnung mitunter auch „Bock auf ’nen Dreier?“ anstatt „Hallo“ lauten kann und dass es unheimlich viele Hobbyveranstalter gibt, die nach dem Gig unbedingt wollen, dass man auf ihrer Veranstaltung spielt; von denen man danach jedoch nie wieder was hört- also sowohl von den Typen als auch ihren angepriesenen Veranstaltungen. Dann gab’s da selbstverständlich unzählige Abstürze, an die ich mich leider nicht mehr detailliert erinnern kann; meine Kollegen jedoch umso besser – und natürlich vice versa. Aber statt hier jeden einzelnen Ausraster zu dokumentieren, könnte man wohl besser irgendwann ein Buch darüber schreiben, so was wie „White Helliön Fever – Möre Dirt!“

Ich bedanke mich für dieses Interview, die letzten Worte gehören dem Künstler! :

Wir haben zu danken; aber komm, damit meinst Du doch jetzt nicht uns, oder? Ich habe Männer, die sich selbst ernsthaft „Künstler“ schimpfen, ehrlich gesagt immer in latentem Verdacht, nur geringe Penisgrößen aufweisen zu können...

Legende Interviewpartner:
Rot: Loxxy

 

visit: www.hellion-online.de

 

 

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